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 Noam Chomsky über die amerikanische Meinungsmache 
 Propaganda 
 
Noam Chomsky untersucht in seinem aktuellen Buch «Media Control»* die Wirkungsweisen der amerikanischen Propagandamaschinerie, und erläutert das von ihm und Edward S. Hermann 1988 ausgearbeitete Propaganda-Modell. Zuerst analysiert er allerdings erstmal die Begriffe «Demokratie», «Terror» und «Heuchelei»…Schwerpunkt
Nr. 264, Oktober 2003

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Noam Chomsky :
Anarchist, politischer Analytiker und Professor für Linguistik und Philosophie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Mass. - Noam Chomsky, geboren am 7. Dezember 1928 in Philadelphia, ist all das und oftmals sogar in dieser Reihenfolge. Seine Vielseitigkeit, seine wissenschaftlichen und politischen Publikationen und Vorträge machen ihn zu einem der am meisten gelesenen und zitierten lebenden Publizisten. «Der einflussreichste westliche Intellektuelle» hatte ihn nicht zu unrecht die New York Times einst genannt, oder «den bekanntesten Dissidenten der Welt».

 

* Noam Chomsky:
«Media Control. Wie die Medien uns manipulieren.» Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt. Europa Verlag, Hamburg 2003

 

1) Über den «Krieg gegen den Terrorismus»
Bericht eines Journalisten vom Mars. Überarbeitete Transkription eines Vortrags zur Feier des fünfzehnten Jahrestags von FAIR (Fairness and Accuracy in Reporting), gehalten am 22.01.2002 in der Town Hall,New York City.

2) Gottfried Oy: Das politische Buch, Frankfurter Rundschau vom 16.05.2003.

 

 

Im ersten Kapitel* seines aktuellen Buches «Media Control» betont Chomsky vorab, dass in Nordamerika innerhalb der «politischen Kaste» seit dem frühesten zwanzigsten Jahrhundert die Überzeugung bestehe, dass die Masse der Bevölkerung zu dumm sei, um grössere Zusammenhänge zu begreifen: Die Herde müsse gezähmt werden, damit sie nicht alles zertrample. Ihr die Beteiligung an Entscheidungsprozessen zuzugestehen, sei ebenso unklug wie ein dreijähriges Kind allein über die Strasse laufen zu lassen, weil es mit dieser Freiheit sich selbst und andere gefährden könnte.

«Demokratie für Zuschauer» überschreibt Chomsky den betreffenden Absatz, in welchem er die offensichtliche Diskrepanz zwischen der «lexikalischen» Erläuterung und der «gelebten Variante» dieser – von Theoretikern als Oligarchie bezeichneten – Gesellschaftsform aufzeigt.

Chomsky & Herman haben 1988 ein «Propaganda-Modell» ausgearbeitet:
Um es gleich vorwegzunehmen: Sie vermeiden ein verschwörungstheoretisches Konstrukt. Es geht mehr um den Aspekt der «selbstmotivierten Propaganda», was meint, dass (im besten Falle) die Agierenden «glauben, im Sinne einer ‹höheren Idee› zu handeln.»
Zum Thema «Terror» fragt Chomsky: «Wie definieren die Personen, die dem Terrorismus den Krieg erklärt haben, was Terrorismus ist?». Er erwähnt, dass es zwar in US-amerikanischen Gesetzestexten und Armeehandbüchern Definitionen gibt: «Terrorismus sei […] die kalkulierte Anwendung oder Androhung von Gewalt […] um durch Einschüchterung, Zwang oder Furchteinflössung Ziele zu erreichen, die ihrem Wesen nach politisch, religiös oder ideologisch sind». Das klingt einfach und ist angemessen: «Darauf gibt es nur eine Antwort. Diese Definition ist – aus mindestens zwei Gründen – unbrauchbar. Zum einen stellt sie eine sehr enge Umschreibung der offiziellen Regierungspolitik dar, die in solchen Fällen ‹Konflikt niederer Intensität› oder ‹Gegenterror› genannt wird. […] Der andere Grund ist sehr viel einfacher: Sie gibt die falschen Antworten auf die Frage, wer die Terroristen sind.

Glücklicherweise gibt es eine Lösung. Sie besteht darin, Terrorismus als das zu definieren, was andere gegen uns, wer immer wir sein mögen, ausüben. Das ist, soweit ich weiss, eine universelle Definition – dem Journalismus genauso geläufig wie der Wissenschaft; und es ist auch eine historisch universelle Bestimmung. […] Und aus dieser nützlichen Charakterisierung des Terrorismus können wir die üblichen Folgerungen ziehen, die allerorten gezogen werden: Wir und unsere Verbündeten sind die Hauptangriffsziele des Terrorismus als einer Waffe der Schwachen.

Natürlich ist der Terrorismus im offiziellen Sinn eine Waffe der Starken, wie die meisten Waffen, per definitionem jedoch ein Mittel der Schwachen, sobald man akzeptiert hat, dass ‹Terrorismus› etwas ist, das gegen uns ausgeübt wird. Dann wird der Begriff zu einer auf konventioneller Übereinstimmung beruhenden Tautologie.»

Mit Blick auf den Irak-Krieg bemerkt Chomsky: «Die selbsternannten Führer des Kriegs gegen den Terrorismus bekräftigen, dass sie gläubige Christen sind, die das Neue Testament in Ehren halten. Insofern wissen sie wahrscheinlich auch, was die Evangelien unter einem Heuchler verstehen – ein Heuchler ist ein Mensch, der moralische Massstäbe nur für andere, nicht aber für sich selbst gelten lässt. […] Natürlich kennt man derartige moralische Binsenweisheiten auch im Mainstream, wo man sie als gefährliche Ketzerei begreift. […] Gegen eventuelle Verfechter werden bestimmte Begriffe ins Feld geführt – sie machen sich des ‹moralischen Relativismus› schuldig oder der ‹moralischen Äquivalenz›, ein Terminus, den […] Jeane Kirkpatrick eingeführt hat, um die Gefahr abzuwehren, dass jemand sich untersteht, unsere eigenen Verbrechen unter die Lupe zu nehmen.

Oder man bezichtigt die Verfechter dieses ‹moralischen Relativismus› des ‹Anti-Amerikanismus›. Das ist ein interessanter Begriff, der vorwiegend in totalitären Staaten verwendet wurde; in der einstigen UdSSR galt ‹Anti-Sowjetismus› als schlimmstes Verbrechen…»

Doch zum Thema Propaganda

«Es ist eine Geschichte, die bis zu den frühesten demokratischen Revolutionen im England des 17. Jahrhunderts zurückreicht. […] Beginnen wir mit der ersten modernen Propagandaoperation einer Regierung. Sie fand während der Amtszeit von Woodrow Wilson statt, der 1916 mit dem Slogan ‹Frieden ohne Sieg› zum Präsidenten der USA gewählt worden war. Zu dieses Zeit, Mitte des Ersten Weltkriegs, war die amerikanische Bevölkerung äusserst pazifistisch gesonnen und sah keinen Grund, sich in einen europäischen Krieg hineinziehen zu lassen.

Die Regierung Wilson hatte sich jedoch auf den Kriegseintritt festgelegt und musste nun etwas gegen die friedfertige Stimmung unternehmen. Es wurde eine Propaganda-Agentur, die sogenannte Creel-Kommission, auf die Beine gestellt, der es innerhalb von sechs Monaten gelang, die Bevölkerung in eine hysterische Begeisterung zu versetzen. Auf einmal wollte man alles Deutsche vernichten, die Deutschen in Stücke reissen, in den Krieg ziehen und die Welt retten. Dieser propagandistische Erfolg führte zu weiteren Unternehmungen ähnlicher Art: Nach dem Krieg benutzte man die gleichen Techniken, um die ‹Angst vor den Roten› zu schüren, wobei es gelang, der Gewerkschaftsbewegung schweren Schaden zuzufügen und so gefährliche Probleme wie die politische Meinungs- und Pressefreiheit zu beseitigen. Geschäftswelt und Medien sekundierten bei diesem Unterfangen, das insgesamt ein grosser Erfolg wurde. […]

W. Lippmann war an den Propagandakommissionen beteiligt gewesen und hatte den Wert ihrer Errungenschaften erkannt. Er meinte, dass eine von ihm so genannte ‹Revolution in der Kunst der Demokratie› dazu führen könnte, ‹Konsens herzustellen› (Manufacturing Consent), das heisst mittels der neuen Propagandatechniken die Öffentlichkeit auf Ereignisse einzustimmen, die sie eigentlich ablehnt. Er hielt dies für eine gute, ja sogar notwendige Idee, weil, wie er sagte, ‹das Interesse des Gemeinwesens sich der öffentlichen Meinung völlig entzieht› und nur von einer ‹spezialisierten Klasse […] verantwortlicher Männer›, die über das notwendige Wissen verfügen, begriffen und in Angriff genommen werden kann. Seiner Theorie zufolge kann lediglich eine kleine Elite […] das Interesse der Allgemeinheit adäquat in die Tat umsetzen. Lippmann unterfütterte diese Anschauungen mit einer ziemlich ausgefeilten Demokratie-Theorie. Eine gut funktionierende Demokratie bestehe, so meint er, aus zwei unterschiedlichen Klassen von Bürgern. Und zur [höheren] Klasse gehören diejenigen, die aktiv mit den Angelegenheiten der Allgemeinheit betraut sind, das heisst analysieren, Entscheidungen treffen und ausführen und in den politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Systemen die Dinge ins Rollen bringen […].»

Und natürlich beliessen es die Vereinigten Staaten nicht nur bei der Theorie: «1935 errang die Arbeiterbewegung mit dem Wagner-Gesetz ihren ersten (und letzten) Sieg in der Legislative, nämlich das Recht auf freie gewerkschaftliche Organisation […] und damit die Möglichkeit aus der Rolle des Zuschauers herauszutreten. […] Die Privatwirtschaft leitete eine Grossoffensive ein, um sicherzustellen, dass das Wagner-Gesetz der letzte Sieg für die Arbeiterbewegung auf dieser Ebene gewesen sein sollte, und sie hatte Erfolg. Ab 1935 nahm die Fähigkeit der Gewerkschaften zu organisiertem Handeln ständig ab, und die Zahl der Mitglieder, die während des Zweiten Weltkriegs noch einmal kurzfristig anstieg, begann zu sinken.

Das geschah keineswegs zufällig, die Geschäftswelt widmete diesem Problem sehr viel Geld und Aufmerksamkeit. Sie spannte die PR-Industrie und andere Organisationen für ihre Zwecke ein, um diese Entartung der Demokratie im Keim zu ersticken. […] Die erste Gelegenheit dazu ergab sich bereits 1937. Im Westen von Pennsylvania streikten die Stahlarbeiter, und die Geschäftswelt wollte diesen Streik mit neuen Methoden brechen. Man schickte nicht mehr, wie früher, Schlägertrupps los, die es auf die Kniescheiben von Streikwilligen abgesehen hatten, sondern bediente sich der subtileren Mittel der Propaganda, um die Öffentlichkeit gegen die Streikenden aufzuwiegeln, die als schädliche Störenfriede präsentiert wurden, deren Aktivitäten den Interessen der Allgemeinheit zuwiderliefen. […] Man sprach später von der ‹Mohawk-Valley-Formel› und benutzte sie noch häufig, um Streiks zu brechen. Es war eine ‹wissenschaftliche Methode›, die darauf abzielte, die öffentliche Meinung mit leeren Begriffen wie ‹Amerikanismus› gegen Aktionen der Arbeiterbewegung einzunehmen.
Wer will schon gegen Amerikanismus oder Harmonie sein? Oder gegen die im Golfkrieg erhobene Forderung: ‹Unterstützt unsere Truppen›? […] Auch so etwas bedarf enormer Propagandaanstrengungen, von denen wir in den letzten zwanzig Jahren eine Menge mitbekommen haben. Die Programme der Regierung Reagan waren überwiegend unpopulär. Bei den ‹Erdrutschwahlen› von 1984 hofften drei Fünftel der Wähler, dass der Präsident seine innenpolitischen Vorstellungen nicht in die Tat umsetzen würde.»

Laut Umfragen war zwar die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gegen das innen- und aussenpolitische Programm, da jedoch die Mehrheit der Bevölkerung isoliert und/oder marginalisiert werden konnte, bildete sich keine effektive Opposition.

Diese Mechanismen werden fortwährend verfeinert. Chomsky resümiert: «Die Leute können glauben, dass wir gegen den Irak vorgehen, weil wir tatsächlich dem Grundsatz folgen, illegale Besetzung und gravierende Verletzungen der Menschenrechte sollten mit Gewalt beendet werden. Aber niemand fragt sich, was es hiesse, diesen Grundsatz auf das Verhalten der USA selbst anzuwenden. Das ist ein ganz ausserordentlicher Erfolg der Propaganda.»

Was uns wieder zum eingangs erwähnten Modell von Herman & Chomsky führt, hier weitergeführt von Gottfried Oy:
«Die Massenmedien können als System der Übermittlung von Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensregeln definiert werden, die zum gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendig sind. Im Gegensatz zur Propaganda-Maschinerie in totalitären Staaten entwickelte sich innerhalb der bürgerlich-demokratischen Medienlandschaft eine ganze Palette von Machtmitteln, die letztlich dafür sorgt, dass aus der Fülle von Geschehnissen auf der Welt nur die herausgegriffen werden, die in die eigene Wirklichkeitskonstruktion hinein passen.»**

Chomsky selber fasst noch mal zusammen: «Das alles unterscheidet sich nicht von den geglückten Anstrengungen der Creel-Kommission, eine pazifistische Bevölkerung für den Krieg zu begeistern. Die Techniken sind verfeinert worden, zudem gibt es jetzt das Fernsehen, aber ansonsten handelt es sich um traditionelle Propagandaarbeit. Allerdings geht es nicht einfach nur um Desinformation und den Golfkrieg. Es geht vielmehr darum, ob wir in einer freien Gesellschaft leben wollen oder in einer Art von selbstgestricktem Totalitarismus, in dem die verwirrte Herde patriotische Losungen ruft, um ihr Leben fürchtet und mit Ehrfurcht auf den Führer starrt, der sie vor der Vernichtung bewahrt, während die gebildeten Schichten den Schulterschluss vollziehen und die üblichen Slogans rezitieren. Dann enden die USA als gewalttätiger Söldnerstaat, der hofft, dass andere ihn dafür bezahlen, wenn er die Welt in Schutt und Asche legt. Das ist die Alternative, vor der wir stehen. Die Antwort auf diese Frage liegt in den Händen von Menschen, wie Sie und ich es sind.»

 
 
       
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