Reitschule Bern

AktuellKontaktArchivHintergrund

 Entscheidungsfindung in der Reitschule 
 Stell Dir vor, es gibt keinen Chef und doch funktionierts – irgendwie 
 
Wer ist hier zuständig? Kann ich mit dem Chef sprechen? Bist Du der Chef hier? Solche Fragen sind ja erlaubt – auch in der Reitschule – aber manchmal einfach amüsant. Schwerpunkt
Nr. 289, November 05

Druckerfreundlich
 
       
 

 

 

 

 

 

Denn es gibt hier keinen Chef.
Punkt.
Ja, aber wer sagt denn wos lang geht?
Eben niemand.

In einer Welt, in der es sogar auf der untersten Ebene – etwa in einer Putzéquipe der «I wish for you»-Jungs oder im Bio-Lädeli um die Ecke – noch einen Chef beziehungsweise eine Chefin gibt, in der alles von Managern spricht und der ganze Rest bestenfalls «Human Resources» ist, steht die Reitschule ziemlich quer in der Landschaft. Ein Laden, in dem etwas über 1000 Leute regelmässig das eine oder andere tun, von dem fast 450 Leute einen Schlüssel haben; ein Laden, in dem ca. 30 Gruppen (niemand weiss genau wieviele wirklich) regelmässig Sitzungen haben, jährlich Hunderte von Veranstaltungen stattfinden – ein solcher Laden soll ganz ohne Chef, ganz ohne koordinierende und entscheidende Persönlichkeit auskommen?

Ja, dieser Laden kommt ohne Chef aus, allerdings nicht ohne Koordination und schon gar nicht ohne eine gewisse Form von Entscheidungsfindung.

Es gibt Leute, die sagen, die Reitschule sei eine kleine Schweiz. Föderale Strukturen bilden die Grundlage. Auf einem definierten Territorium – im Falle der Reitschule vielleicht vier Hektaren (alle Stockwerke eingerechnet) – müssen verschiedenste Kantone – hier Arbeitsgruppen (AG) – ihre Interessensausgleiche finden, sich Regeln des
Zusammenlebens geben, Finanzausgleiche auskäsen, gemeinsame Sicherheitspolitik erarbeiten und im Streitfalle einvernehmliche Lösungen finden. Und manchmal sitzt mensch in der Reitschule auch zu Gericht.
Wie die Schweiz eine vereinigte Bundesversammlung, hat die Reitschule eine Koordinationsgruppe (KG), ja sie hat sogar einen Beamtenstaat, die Betriebsgruppe (BG). Nur der Bundesrat tagt nicht. Dafür ab und zu eine Vollversammlung (VV).

Das tönt nach reichlich vielen Ämtern und Würdenpositionen. Ämter hat es viele, mit der Würde haperts aber dann schon gewaltig. Denn im Gegensatz zu all den Ämtern, die die Schweizerische Eidgenossenschaft so geschaffen hat, hat ein Amt in der Reitschule, zumindest in der Theorie, nichts mit Machtausübung zu tun. Die KG hat keine Entscheidungsbefugnisse, sondern ist ein Vehikel, um Entscheide zu finden. Die BG (a.k.a. «Verwaltung») kann keine Reglemente und Vorgehensweisen in Kraft setzen, sie kann sie nur vorschlagen. Alles was diese beiden Gremien tun und beschliessen, tun sie auschliesslich auf Befehl von… unten.

Im Gegensatz zum Schweizerischen Bundesstaat, wo die BürgerInnen einmal in vier Jahren 246 Nasen wählen und dann noch vierteljährlich ihren Senf zu vorgekauten Vorlagen geben können, die dann sowieso verwässert werden, entscheidet in der Reitschule die gesamte Belegschaft über alle Sachfragen, die die gesamte Reitschule betreffen – oder könnte entscheiden, nur nehmen längstens nicht alle an den Entscheidungen teil. Eine nette Parallele zur tiefen Stimmbeteiligung bei eidgenössischen Vorlagen.

Tönt alles sehr theoretisch. Also nehmen wir doch mal ein genauso theoretisches Szenario: Die Kino-Arbeitsgruppe möchte im Sommer 2006 im Hof ein Openair-Kino veranstalten.

Dafür braucht sie logischerweise in diesem Zeitraum den Hof; und nicht nur das. Denn in den angrenzenden Arbeitsgruppen – und das sind so ziemlich alle, weil der Hof in der Mitte des Gebäudes ist – werden teils laute Veranstaltungen gemacht. Also dürfen in diesem Zeitraum keine lauten Veranstaltungen gemacht werden, weil das sonst die Openair-Vorstellung stören würde. Die Kinogruppe bringt also ihr Anliegen an die KG und fragt an, ob das überhaupt möglich wäre.

Wer jetzt glaubt, dass die Delegierten die Köpfe schief halten würden und dann zu einem Beschluss kämen, irrt sich. Die Delegierten haben, genauso wie PolitikerInnen, in aller Regel keine Ahnung, was Sachfragen anbelangt. Im Gegensatz zu den PolitikerInnen entscheiden die Delegierten der Arbeitsgruppen nicht ohne Ahnung, sondern fragen erstmal ihre Arbeitsgruppen an den jeweiligen Sitzungen, ob sie mit dem Vorschlag des Kinos, im Sommer 2006 während gewissen Zeiten Ruhe zu vereinbaren, einverstanden sind. An der darauffolgenden KG werden dann allfällige Einwände oder Einschränkungen aus den AGs gebracht. Zum Beispiel hat der Dachstock für ein Datum in diesem Zeitraum bereits eine Band gebucht, etc… Erst wenn eine einvernehmliche Lösung gefunden ist, beschliesst die KG, wann das Kino unter freiem Himmel stattfinden kann.

Das ganze Verfahren dauert im Idealfall eine Woche (Vorschlag einbringen – in die Arbeitsgruppen zurücktragen und dort diskutieren – wieder an die Koordinationsgruppe zurücktragen – und bei Übereinstimmung der Meinungen kommt es zum Beschluss). Im weniger idealen Fall, oder bei komplizierteren oder undurchdachteren Fragestellungen, kann es zu einem längeren Ping-Pong zwischen Koordinationsgruppe und Arbeitsgruppen kommen. Das ganze nennt sich dann Basisdemokratie oder Entscheidungsfindung durch Konsens.


Theorie vs. Praxis

Geht die Theorie in den stacheligen Dschungel der Praxis, wird dieser mühsame und komplizierte Ablauf auch mal «abgekürzt». Was regelmässig und immer wieder zu Knatsch führt. Dabei gibt es die verschiedensten Formen von Systemfehlern und Korruption – jaja, auch über dieses Repertoire verfügt die (St)Reitschule:
Abläufe missachten: Wenn eine Koordinationsgruppe Entscheide fällt, die nicht in den Arbeitsgruppen diskutiert wurden, fühlen sich oft Leute übergangen oder können sich nicht mit dem Beschluss identifizieren. Hitzige Debatten über «den Chef spielen wollen» bis hin zu «Ihr IKuR-Arschlöcher wollt doch nur Macht ausüben» gehören zum Standard.
Sich nicht an Entscheidungen halten: Wenn eine Koordinationsgruppensitzung zu einem Entscheid gemäss der «unantastbaren» Theorie kommt und sich Einzelpersonen oder ganze Arbeitsgruppen nicht an die Abmachung halten, bricht regelmässig die Krise aus.

Von der Entscheidungsfindung zur EntscheidungsERfindung: Damit alle die Entscheide der KG mitkriegen, wird ein Protokoll geschrieben. ProtokollführerIn ist ein unbeliebter Job – aber wohl auch einer der Machtbehaftetsten. Denn etwas einfach nicht ins Protokoll schreiben oder irgendwie-halt-doch-ein-bisschen-verfälschen, ist einfach. Ein Protokoll sauber zu führen, jedoch verdammt schwierig. Und da es so schwierig ist, können auch mal «Fehler» passieren. Die Grenze zwischen Fehlern aus Überforderung und «Fehlern» ist da gleitend. Sorgt auch manchmal für Diskussionsstoff.

Ausländerstimmrecht: Da sich die Reitschule basisdemokratisch schimpft, ist sie es ja wohl auch. Auch für Ausländerinnen! Jawohl. Nur: Basisdemokratie hin oder her, gerade in hitzigeren Diskussionen bleiben andere kulturelle Hintergründe und das Unverständnis gegenüber diesen sowie die Sprachbarriere bestehen. Das sind die Gründe, weshalb Leute aus anderen Kulturkreisen oft an den Entscheiden nicht, oder nur, wenn sie sich für sich selber wehren, von ihrem «AusländerInnenstimmrecht» Gebrauch machen. Ach, wie die Reitschule doch der Schweiz ähnelt!
Informelle Hierarchien: das wohl grösste Problem in der Reitschule. Wie in anderen Betrieben auch gibt es Leute, die seit dem Urknall dabei sind
und halt eben Neue. Die Fossilien (so ab dem vierten Jahr versteinert der Mensch in der Reitschule langsam) haben natürlich einen Wissensvorsprung. Sie wissen, mit welchem anderen Fossil sie sprechen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen. Fossilien sind oft redegewandte Wesen mit einer harten Dinosaurierhaut, die noch so absurde Argumente, durch ein paar Raum-Zeit-Wurmlöcher gefiltert, dermassen treffend formulieren können, dass den Neuen nur noch Kopfnicken bis zur Genickstarre und der darauf einsetzenden Versteinerung übrig bleibt. Diese Fossilien bestimmen viel unter sich – mit ein Grund, warum sich dieses Ur-Fossil «Scheiss-Ikuristen» (sehr beliebtes Schimpfwort) so hartnäckig hält und sich die Reitschule bisweilen mit Gespenstern aus der Ursuppe konfrontiert sieht.

Um diese Systemfehler auszukorrigieren und die völlig aus dem Ruder
gelaufene Reitschule wieder ins Lot zu bringen, gibts dann hin und wieder
eine Vollversammlung, an der die Probleme tiefergehend diskutiert werden, Beschlüsse für einmal ohne langes hin und her gefasst werden können, verbal aufeinander eingeprügelt wird, die Leute sich in der obligatorischen Pause bei dampfender Suppe wieder versöhnen oder sich noch besser verkrachen und am Schluss eigentlich alles beim alten bleibt. Aber immerhin haben wir dann darüber geredet. Die Vollversammlung ist das letztinstanzliche Gremium, dem alle angehören, wenn sie denn wollen; Gezwungen ist ja niemand – denn es wäre eine Menschenrechtsverletzung.

Warum also kein Chef, wenn der doch einfach sagen könnte, wo es lang ginge? Wo er doch schnelle Entscheide fällen könnte? Das wäre einfacher und wir ReitschülerInnen müssten weniger Sitzungen absolvieren, weniger Denken und wüssten erst noch, wem wir die Schuld für versaute Entscheide in die Schuhe schieben könnten. Aber so ist es nun mal nicht, weiss der Geier warum. Vielleicht liegt es daran, dass wir keinen Super-Scheiss-Ikuristen wollen. Vielleicht wollen wir aber auch nur eine bessere Schweiz sein.

 
 
       
      | Der @rchi-Wahr |