megafon | Aktuelles aus der Reitschule Bern

25. Mai 2020

Draussen auf der Strasse

(Dieses Interview erschien ursprünglich in der Megafon-Ausgabe 11/2016)

«Tanz dich frei» verabschiedete sich nach der dritten Ausgabe 2013 mit lautem Knall von der Bühne. Themen und Hintergründe der Bewegung gingen unter in der medialen Lawine über Gewalt, Sachschaden und politische Verantwortlichkeiten.

Das megafon traf drei Jahre danach zwei der Organisierenden und sprach mit ihnen über Verantwortung, Polizeitaktiken, Selbstkritik und die Zukunft des «Tanz dich frei».

megafon: Fast zwei Jahre lang, 2012 und 2013, war «Tanz dich Frei» (TDF) omnipräsent und prägte die Debatte um Freiräume. Warum habt ihr nach dem TDF 2013 nichts mehr von euch hören lassen?

Lance*: «Tanz dich frei» war ein riesiges Projekt. Es verschlang von allen Organisierenden immense Ressourcen. Im Vorfeld der dritten Ausgabe mussten wir auf viel Unvorhergesehenes reagieren. Für die Nachbereitungsplanung hatten wir keine Zeit. Ausserdem rollte die grosse Repressionswelle an, z.B. mit dem Internetpranger. Wir hatten auch Respekt vor noch härterer Repression – sitzen plötzlich Leute in U-Haft?

Jan*: Schon beim zweiten TDF merkten wir, dass sich der Charakter des Umzugs in eine für uns kritisch betrachtete Richtung bewegte. Viele Menschen kamen wegen einer grossen Freiluftparty, und nicht wegen politischer Inhalte. Von Links bis Rechts gab es Umarmungsversuche, alle fanden TDF plötzlich gut. Da hatten wir keine Lust drauf. Der riesige Polizeieinsatz und die Eskalation 2013 schreckten uns ab: Wir merkten, wie billigend eine Massenpanik von den Einsatzkräften in Kauf genommen wurde. Wir aber wurden bereits im Vorfeld als Schuldige gebrandmarkt.

Lance: Ausserdem gab es wieder neue Projekte und Ideen. TDF hatte sich gewissermassen überlebt. Das Organisations-Kollektiv löste sich auf; die Menschen gingen in andere Arbeitsgruppen.

megafon: Dabei genosst ihr medial wie politisch grossen Respekt: «Die Jugend kann die Stadt Bern an einem Samstag im Juni lahmlegen. Und sie kann es in den nächsten Monaten wieder tun. Welche andere Kraft kann das von sich behaupten?» schrieb der «Bund» 2012. Ihr habt Tausende mobilisiert und den Staat herausgefordert, wie es lange niemandem mehr gelungen war.

Lance: Wir wollten dieses Gefühl erlebbar machen, sich die zentralsten Punkte der Stadt zu nehmen. Sich ohne Bewilligung, ohne Auflagen die Strasse zurückzuholen. Unsere politische Vision wurde uns aber von allen Seiten zerredet. Und es war wirklich auch viel Partyvolk da. Wir merkten, dass uns TDF in dieser Form nicht mehr interessiert. Denn es ging nicht um plumpe Provokation. TDF war kein Selbstzweck.

Jan: Wir haben uns danach umorientiert. Mit der Krise der europäischen Migrationspolitik und anderem wechselten die Prioritäten. Wichtige Ziele haben wir erreicht: Viele Leute wurden politisiert, eine neue, einzigartige Aktionsform ausprobiert und wahnsinnig viel Aufmerksamkeit generiert. Geschätzte 60 junge Menschen schrieben und schreiben Arbeiten über Tanz dich frei – unglaublich.

Was 2011 und 2012 unter den Stichwortenen Freiraum und Nachtleben geschah, war ein Katalysator für die TDF-Bewegung. Die Verfügung von Regierungsstatthalter Lerch, die der Reitschule viel strengere Auflagen machte, provozierte Widerstand. Die Schliessung mehrerer teils sehr bekannter Musiklokale aufgrund von Lärmklagen der Anwohnenden zerstörte wichtige Räume. Verschiedene Organisationen, Vereine und Parteien setzten das Thema Nachtleben weit oben auf ihre Agenda. «Tanz dich frei» vereinte all den aufgestauten Unmut in authentischster Form: Musikalisch, laut, frech, exzessiv – unbewilligt, draussen auf der Strasse.

Lance: Uns vom TDF ging es nie ums Nachtleben, wie es die FDP oder «Pro Nachtleben Bern» suggerierten. Wir stellten andere Fragen – wem gehört die Stadt? Soll Bern wirklich wie die UBS funktionieren?

megafon: Am Ende blieb von TDF die Erinnerung an kaputte Schaufensterscheiben, Tränengas und Verletzte. Inwiefern habt ihr mit der Eskalation gerechnet oder sie sogar gesucht?

Jan: Für mich ist klar, dass die Polizei und die Politik die Eskalation gebraucht haben. Nachdem 2012 rund 20`000 Menschen selbstbestimmt durch Bern gelaufen und ein riesiges Fest gefeiert hatten, bekamen einige da oben Angst. Man konnte das nicht jedes Jahr aufs Neue zulassen. Die Gewalteskalation spielte ihnen in die Hände – nun konnte die Repressionswalze losfahren und ein Exempel statuieren. Kritik und Inhalt des TDF wurden verleumdet und als illegitim dargestellt.

Lance: Es braucht für eine Eskalation immer zwei Parteien: Die Polizei war 2012 unsichtbar, also gab es auch keine Angriffsfläche für die Demoteilnehmenden. Beim dritten TDF stand die Polizei provokativ vorm Bundeshaus, Wasserwerfer gut sichtbar, baute den Zaun auf, schuf ein künstliches Nadelöhr. Was wäre geschehen, hätte er das vermieden? Es hätte vielleicht Farbe fürs Bundeshaus gegeben. Man sieht, was für die Politik schwerer wiegt: Mehrere Schwerverletzte, darunter Halbblinde werden in Kauf genommen, um Graffiti an einem ihrer wichtigen Gebäude zu verhindern. Aus Prestigegründen wollte man uns nicht durch die Bundesgasse ziehen lassen.

Jan: Mit der Sanitätspolizei standen wir in regem Kontakt. Uns wirft man vor, wir hätten die Eskalation gesucht. So ein Quatsch. Hätten wir das gewollt, hätten wir uns darauf vorbereitet, dann wäre es viel strüber ausgegangen. Den Sachschaden verursachten wütende Menschen spontan – und nicht zuletzt die Polizei, die mit Gummischrot manches Schaufenster zertrümmerten.

Lance: Hunderte Menschen hatten ihre Musikwagen präpariert. Da steckte so viel Energie und Kreativität drin. Das setzt man nicht einfach so aufs Spiel.

megafon: Ich gehe davon aus, dass ihr als Mitorganisatoren gut vernetzt seid. Auch mit Menschen, die einer gewalttätigen Auseinandersetzung nicht abgeneigt sind. Hättet ihr da nicht mässigend einwirken können?

Lance: Im Vorfeld betonten wir immer wieder, dass wir uns einen friedlichen Umzug wünschen. Wir können und wollen uns nicht alle präventiv zur Brust nehmen.

Jan: Es geht bei «Tanz dich Frei» vor allem um Selbstbestimmung. Als Organisierende können wir bei 10`000 Menschen weder Gewalttaten, noch Drogenkonsum, noch Selbstgefährdung verhindern. Es war jedes Mal ein gelungener Anlass. Die Menschen haben sich weitgehend selbstorganisiert, übernahmen Verantwortung für sich und andere. Sie bastelten die Fahrzeuge und sorgten für den Schutz der Tanzenden, machten Musik, mixten Drinks.

megafon: Die Transparente, die vom Baldachin gehängt wurden, spielten auf die «Bewegung 2. Juni» und Strassenschlachten mit Molotov-Cocktails an. Das hat doch auch einen Einfluss auf die Dynamik der Menschen.

Lance: Du versuchst, uns als Bosse darzustellen. Das ist ein völlig falsches Verständnis der Organisation des TDF. Wir sind nicht dafür da, den Menschen vorzuschreiben, was sie auf ihre Transpis schreiben.

Jan: Ich finde es geil, wenn die Teilnehmenden, ob aus unserem Umfeld oder nicht, sich kreativ einbringen. Übrigens: Niemand warf Mollis, auch wenn das auf einem Transpi abgebildet war.

megafon: Man kann also so einen Anlass organisieren, aufbauen, hypen. Aber bei der Durchführung ist man machtlos und jeder sich selbst überlassen. Laisser-fair, sozusagen.

Lance: Für mich sind das zwei verschiedene Ebenen: Die eine ist inhaltlich, wie prägte man TDF ideell. Die andere ist die praktische Umsetzung. Wollen oder können wir jede und jeden kontrollieren? Bei der Fastnacht tanzen auch Leute aus der Reihe, und vielleicht merkt man es, aber dann zu spät.

Jan: Wir haben z.B. mit allen, die einen Wagen fuhren und schützten, ein gemeinsames Vorgehen bezüglich Übergriffen, Notsituationen und Diskriminierung abgemacht.

megafon: Über Facebook kamen vor, während und nach den Umzügen Rückmeldungen von den Teilnehmenden. Viele würden sich über ein TDF 4 freuen, «aber bitte friedlich» – oder dass es «um Party, und nicht zu sehr um Politik» gehen sollte. Nehmt ihr diese Rückmeldungen ernst, die die Basis macht?

Lance: Ja. Es ging immer ums Politische. Unsere Inhalte wurden uns von Parteien, Medien und vielen Teilnehmenden abgesprochen bzw. verwässert. Das ist auch ein Grund, weswegen wir kein neues TDF organisierten. Und nochmal: Wenn die Polizei Gitter aufstellt und Tränengas verschiesst, können wir nichts machen. Dann ist die Eskalation da.

Jan: Bei den Leuten blieb das Positive zurück: TDF war toll, auch wenn es am Ende in Gewalt mündete. Wie nach absolvierten Militärdienst, sozusagen. (lacht)

megafon: Hätte es ohne Eskalation weitere TDFs gegeben?

Jan: Wahrscheinlich nicht. Das Interesse nahm bei uns aufgrund der Entwicklung sowieso ab.

megafon: Wie wurde mit der Repression umgegangen? Konntet ihr von der Staatsanwaltschaft Verfolgten zur Seite stehen?

Jan: Teilweise ja. Wir wussten aber natürlich nicht von allen Schicksalen.

Was war vor «Tanz dich frei»? Lange nichts. An die «Reclaim the Streets» (RTS)-Tradition anknüpfend, versuchten die TDF-Organisierenden, Bewegung ins politisch etwas eingerostete Bern zu bringen. Die Themen Gentrifizierung, Stadtaufwertung, Kommerzialisierung und Überwachung beschäftigten grosse Teile der Gesellschaft. Die ausserparlamentarische Linke probierte neue Formen des Protests und des Engagements aus und traf im fröhlich-wilden Tanzumzug den Nerv der Zeit. Auch in Aarau, Zürich (z.B. vor der Binz-Räumung) und Winterthur finden ähnliche Umzüge statt. Luzern kennt die Tanzumzüge schon länger. Die Reaktionen von Polizei, Politik und Medien sind ähnlich wie in Bern: Abwartend, überfordert, repressiv. Ein Ausmass wie in Bern erreichte die RTS-Form nirgends. Das lag am Zusammenspiel von politischem Druck, geschlossenen Clubs, Veränderungswillen der Jugend.

megafon: Wie entstand der Name «Tanz dich frei»?

Lance: Wir wollten was Neues. Unbelastetes. Es hört sich fröhlich, entspannt und friedlich an. Eben nicht «Schlag die Stadt kaputt»…

megafon: Inhaltlich fand ich das, was ihr veröffentlicht habt, zu wenig.

Lance: Ja, das stimmt teilweise. Wir hatten schlicht zu wenige Ressourcen, um alles gut zu machen. Videos, Reden und einzelne Texte gab es aber. Die kann man sich nach wie vor anhören.

megafon: Ich glaube, dass es schwieriger geworden ist, Menschen zu politisieren und ihnen Inhalte einer alternativen Weltsicht näherzubringen. TDF war ein Versuch. Viele Menschen interessierten sich aber nicht für Inhalte.

Jan: TDF war ein sehr widersprüchliches Projekt. Es brachte viele Probleme mit sich: Oberflächlichkeit, Sexismus, Drogenkonsum. Von ausserparlamentarischen Kreisen wurden wir oft belächelt und uns der politische Anspruch abgesprochen. Dabei hätten sich die politischen Leute viel mehr einklinken müssen, um das Projekt stärker zu prägen. Die Partykultur ist heute nun Mal das, was die Menschen zusammenbringt.

Lance: Perfekt kriegst du es nie hin. Das Leben ist voller Widersprüche. Und der Staat machts einem auch nicht leicht. Ich finde es wichtig, dass man sich von der Komplexität der heutigen Zeit nicht abschrecken lässt und weiter die Bruchstellen des Systems sucht. Auch vom Szenen-Getue müssen wir weg. Lieber kleine Gruppen, als alles auf die Reitschule zu konzentrieren.

Jan: Ich glaube, Menschen politisieren sich dann wirklich, wenn sie Teil einer Bewegung oder eines Projekts werden. Wir hatten Leute, die ans TDF mit ihren Traktoren aus dem Gürbetal kamen. Die wählten vielleicht mal SVP. Durch die Integration und Öffnung für solche Menschen verbreitert man eine Bewegung.

megafon: Letzte Frage: Seid ihr rückblickend zufrieden mit dem Projekt «Tanz dich frei»?

Lance: Es war einmalig. In dieser Dimension und der Art und Weise kaum einzuordnen. Unser Hauptanliegen war ein Inhaltliches. Das müsste man nächstes Mal sicher mehr akzentuieren.

Jan: Anfangs war TDF für die linke Bewegung in Bern gedacht. Was dann geschah, überstieg unsere Vorstellungkraft: Unsere Botschaften wurden kantonal, national, ja sogar international beachtet. Politisch hätte man mehr herausholen können. «Tanz dich frei» war eine der grössten Protestbewegungen seit den 80er Jahren. Wir haben gesehen, welche Kräfte sich mobilisieren lassen, wenn zum Beispiel die Reitschule unter Druck gerät. Wenn Menschen sich selbst organisieren und solidarisieren, können sie sich die Strasse nehmen. Auch in diesem unfassbaren Ausmass. Das ist ein gutes Gefühl.

* Namen geändert

Aktuelles aus der Reitschule Bern

30. März 2020

Neues Epistem

Text und Fotos: daf


Durch ein neues Lebensgefühl, diese neue Realität, die sich innerhalb von wenigen Tagen breit gemacht hat, wird vieles obsolet. Texte zu gesellschaftlichen Themen verlieren von einem Tag auf den anderen an Relevanz, weil gewisse Entwicklungen nicht mitgedacht wurden. Diese Entwicklungen sind aber so relevant geworden, dass, ohne sie mitzudenken, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen ins Leere läuft. Welche Prämissen müssen wir ändern? Welche behalten wir? Ein Problem, dem sich dieser Text widmet.

Angefangen bei den Begrüssungsformen. Wie begrüsse ich Freundin* X oder Freund* Y? Männer* mit Handschlag. Frauen* mit Küsschen wie an einer Preisverleihung – voll sexistisch, Begrüssungsformen an das Geschlecht zu knüpfen – egal, diese Überlegung erübrigt sich. Wir halten zwei Meter Abstand.

Ich nehme das Buch über Beziehungsformen auf dem Nachttisch in die Hand. Da steht etwas über Krankheiten, die über ungeschützten Sex übertragen werden, doch dieses Wissen genügt nicht mehr. Schon eine Umarmung oder allgemein fehlender Abstand reicht, um als intimer Kontakt zu gelten. Du musst dich rechtfertigen, um Menschen nahe zu sein, sollst wissen, woher du kommst, mit wem du nahe warst. Keine Angst, ich habe meine Hände desinfiziert!

Wir müssen Bücher neu schreiben. Ein neues Epistem ist geboren. Diesem wird sich angepasst, nicht überall gleich, doch überall. Wie muss in Zukunft der Kontakt zwischen Kindern in der Schule geführt werden? Wird Quartierli-Geist wichtiger, überschaubare soziale Kontakte, um Ansteckungsketten zurückzuverfolgen? Lokale Produktion von Gütern, um autarker zu sein? Wissen, woher das Zeugs kommt, gleich wie: zu wissen woher du kommst, mit wem du nahe warst. Wie hältst du es mit der Hygiene? Ich zeig dir mein Trackingsystem, seit einem Monat war ich keinem Menschen näher als zwei Meter für mehr als zehn Sekunden. Ich bin safe.

Reisen ist schwieriger, viele Staaten verbieten Einreise ohne Quarantäne von mindestens zwei Wochen und Blutprobe beim Zoll. Reisen wird teurer, weniger Flugis überqueren den Atlantik. Reisende werden wieder mehr zu Abenteurer*innen. Homeoffice ist Pflicht, Meetings nicht online zu machen, wird als leichtfertig abgestempelt und ist nicht mehr zeitgemäss. Direkter Kontakt zu Menschen ist nur noch dort erlaubt, wo unbedingt nötig: In der Produktion von Gütern, im Gesundheitswesen, bei der Carearbeit und in Paarbeziehungen. Ein offenes Liebesleben wird zum Problem. Soziale Unterschiede werden grösser. Isoliert zu sein, muss man sich leisten können.


Die neuen Bedingungen schränken uns ein, isolieren uns voneinander. Dies zeigt sich auch in der Kulturszene. Partys werden exklusiver, Konzerte werden nur noch selten besucht, denn in einer Gruppe von Unbekannten fühlen sich viele nicht mehr aufgehoben. Private Raves, wo sich alle kennen, sind beliebt. Feiern unter sich.

Der Rahmen des Leichtsinns verschiebt sich. Eigene Massstäbe an das Verhalten ändern sich und werden von juristischen Schranken umzäunt. Demonstrationen werden nicht mehr bewilligt, die Teilnahme daran wird härter bestraft und die eigene Einschätzung verändert sich durch den gesellschaftlichen Diskurs. «Personenansammlungen sind grobfahrlässig», lernt man schon im Kindergarten. Das Private wird wieder politisch, wie 1968 und doch völlig anders. Damals ging es um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, nun geht es um den gesellschaftlichen Zwang zur Distanz im Namen des öffentlichen Interesses.


Wir passen uns an, Tag für Tag.

Aktuelles aus der Reitschule Bern

16. März 2020

American Alb-Dream – Bernies letzte Show?

Text: ffg

«Joe and I didn’t shake hands»: Bernie Sanders beantwortet die Frage der steifen Moderatorin, die seine persönlichen Massnahmen gegen den Corona-Virus hören will. Bernie Sanders und Joe Biden, 78 und 77, sind Kandidaten der Demokratischen Partei für das Präsidentenamt der USA. Beide in der Risikogruppe in Zeiten der unsichtbaren Gefahr. Das Corona-Virus dominiert die vorerst letzte Fernsehdebatte der beiden letzten verbleibenden Kandidat*innen mit Chancen. Was sie täten, wenn sie Präsident wären?, Ob sie die Armee rausholen würden?, Was sie den Familien mit Corona-Patienten sagen möchten?, solche Dinge.

Biden erzählt über die «Ebola-Crisis», in der er und Obama durch «hervorragendes Krisenmanagement» brillierte hätten. Er würde alle Kosten, die Menschen wegen Verdachts oder Diagnose «Corona» auf sich nehmen müssen, den Staat tragen lassen. «The people are looking for quick results now», verkündet Joe mit gradem Rücken und einem Lächeln, das aus einer Zahnpastawerbung stammen könnte. «They dont want a revolution.»

Sanders, mit dem immer gleichen Blick zwar, aber in der Mimik überaktiv, geht es um Grundsätzliches. «Wenn dieses Gesundheitssystem nicht so schlecht wäre, hätten wir jetzt in der Corona-Krise weniger Probleme. Aber Millionen Amerikaner*innen sind sich gewöhnt, bei Krankheit nicht zum Arzt zu gehen, weil sie sich weder den Besuch, noch anschliessend verschriebene Medikamente leisten könnten.»

Wo sich Biden auf das moderate «Obamacare» zurückbesinnen möchte, will Sanders Krankenversicherungen zusammenlegen und den Zugang für alle Menschen zu Gesundheitsfürsorge garantieren. Ausserdem greift Sanders grundsätzlich an: «Wir müssen den Mut haben, die Pharmaindustrie anzugehen. Es gibt jetzt schon Leute, die sich die Hände reiben, die aus Krisen wie der Jetzigen Profit schlagen wollen.»

 

Bosse zu Gast bei Joe

Auch in Sachen Klimapolitik kann Joe Biden weniger gute Argumente, als seine rhetorische und bereits äusserst staatsmännisch wirkende Attitüde in den Ring bringen. «Als ich Vizepräsident war, hatten wir ein Meeting mit den Bossen der grössten Ölfirmen. Sie alle sagten: Der Klimawandel ist unser grösstes Problem.» Aussage: Ich kenne diese Leute, sie kennen den Ernst der Lage, vertrauen Sie mir, liebe*r Bürger*in.

Sein vorgeschlagenes Programm von 1,3 Billionen US-Dollar wirkt mickrig, vergleicht man es mit Sanders 16-Billionen-Vorschlag, um die Klimakrise noch rechtzeitig stoppen zu können. Sanders kontert: «We have to talk about that catastrophal situation. If we want to give our children and future generations a livable planet, we have to tackle the oil- and gas-industry». Bernie greift an – wie immer.

Fundamentale Kritik am Funktionieren der amerikanischen Demokratie, der Ungerechtigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft, die wahren Machtverhältnisse – Bernie ist radikal, er redet über die Wurzeln der Probleme, wo sich Joe Biden nur auf die morschen Zweige fokussiert. Bernie zeigt bei Joe Bidens Abstimmungsverhalten der letzten Jahre auf, dass der alles andere als konsequent war – und beispielsweise für die Lockerung sozialer Sicherung lobbyierte, den Irakkrieg unterstützte, immer wieder auf der Seite der Industrie stand, und nicht auf derjenigen der kleinen Leute.

 

Leadership

«True leadership doesn’t mean that you support popular ideas. It means, that you support ideas then, when they are unpopular and you continue to pursue this idea, when they become popular.» Sanders macht klar, warum er der bessere Präsident wäre. Und da schweigt Biden für einmal, denn ansonsten lässt er keine Attacke von Bernie unbeantwortet, ob nun verbal oder non-verbal, mit breitem Grinsen und offensiv zugewandtem Oberkörper.

Joe Biden, das wird klar an diesem Abend, ist der Kandidat, der wohl das Rennen machen wird. Weil er perfekt angepasst ist an die amerikanische Mediendemokratie und souverän auftritt, rhetorisch begabt alle Widersprüche, die Sanders ihm aufzeigt, wegzuwischen vermag. Weil er als Vize-Präsident bereits Teil des Establishments war und sich auf seine Kontakte in Wirtschaft, Medien und Partei verlassen kann. Weil er opportun ist.

Und weil «USA» auch bedeutet, dass eine Präsidentenfernsehdebatte drei Mal von langen Werbepausen unterbrochen wird, die beiden Kandidierenden wie Boxer im Duell präsentiert sind, weil drei Moderator*innen und ein Kandidat wie Madame-Tussaud-Wachsfiguren wirken, nicht wie Menschen.

Bernie Sanders hat als Sohn eines polnischen Einwanderers und als seinen Ideen treu gebliebener Politiker hohe Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber das reicht nicht. Für die permanente Krisensituation der USA im Innern wie im Äussern, für die Stürme, die über das Land ziehen, scheinen radikale und grundsätzliche Lösungen kompliziert und untauglich, wenn es ums schnelle Handeln geht. Dabei könnten nur sie verhindern, dass die USA das Phänomen «Trump» in wiederkehrenden Zyklen als amerikanischen Albtraum erlebt.

Aktuelles aus der Reitschule Bern

8. März 2020

Dsischtigmorgä uf RaBe

Text & Illustration: daf

Nöelle und Melissa stehen vor den Mikros und unterhalten sich über die Lage in Griechenland. «Es zieht richtig abä», sagt Melissa, die schon zwei Jahre den Dienstagmorgen auf RaBe moderiert. Nöelle ist zum dritten Mal auf Sendung, profitiert aber von ihrer Erfahrung bei der Sendung RaBe-Info. Es ist neun Uhr und es riecht nach Kaffee, zwei Laptops liegen auf dem Tisch, gemeinsam wird die Tracklist besprochen

«Hesch du no einä?», fragt Melissa. «Ja vou, ha no einä», antwortet Nöelle. Nach dem nächsten Lied werden die Ausgehtipps für die aktuelle Woche angepriesen. Auch auf die auf heute angesetzten Demonstrationen in Bern und Zürich wird hingewiesen: «Göht unbedingt u düet öich solidarisiere!» Das rote Lämpli «on air» leuchtet nicht «So kaputt, wenn Lüt uf Gflüchteti mit Tränengas schiessä», sagt Nöelle. Danach dröhnt «Halt dich an meiner Liebe fest» aus den Boxen – Mitsingen inklusive. «Es braucht etwas hoffnungsvolle Musik in diesen Zeiten», meint Melissa.

«Radio-machä»

Ich frage die beiden, wie sie zum gemeinsamen Radiomachen gekommen sind. «Wir waren oft an denselben Konzerten im Rössli und kamen so ins Gespräch. Wir teilen in grossen Stücken denselben Musikgeschmack.» Später erzählt mir Melissa noch, dass sie Nöelle super spannend findet und es «mega fägt» mir ihr Radio zu machen.

«Wieso macht ihr Radio?», frage ich. «Für mich ist Radio das richtige Medium. Es ist niederschwelliger als Bücher, nimmt aber weniger vorweg als Fernsehen», antwortet Nöelle. «Unsere Sendung wird aber vor allem von Lorraine-Bewohner*innen gehört», fügt sie bescheiden an.

Musik und Anekdoten aus dem Alltag wechseln sich ab. Melissa hat immer was Spannendes aus ihrem Alltag zu erzählen und manchmal spricht sie ein englisches Wort falsch aus, Nöelle korrigiert, beide lachen. Die zwei nehmen sich nicht ganz ernst, das spürt man und das macht dieses Dienstagmorgen-Radio-Format auch so sympathisch.

Die digitale Uhr neben dem «on air»-Licht zeigt 10 Uhr – eine Stunde ist vergangen. Die Leute vom RaBe-Info kommen ins Sendezimmer und wir haben Zeit für einen weiteren Kaffee. Noch ein paar Songs und schon ist 11 Uhr. Feiermittag, bis nächste Woche. «Na na ni, na na nö», sagt Melissa. Die folgenden Moderator*innen übernehmen und wir sagen tschüss.

Aktuelles aus der Reitschule Bern

29. Februar 2020

Fast Fastnacht

Das megafon ist die Zeitung aus der Reitschule Bern. Es begibt sich oft an Orte, an denen besondere bis sonderbare Dinge geschehen. Gestern, am eigentlich letzten Februartage, schickten wir einen Journalisten an die Berner Fastnacht. Es handelt sich hierbei um die drittgrösste Fastnacht der Schweiz (nach Luzern und Basel). Die Fastnacht ist in Bern nicht überall gleich beliebt. Viele werfen ihr vor, billige Ausrede für unter Masken und Verkleidung versteckte Rüpelhaftigkeit zu sein und einen konfrontativen Umgang mit Alkohol. Der Pegel von Herr und Frau Fastnacht liege bemerkbar über dem Durchschnittswochenend-Normalzustand.

Unser Foto-Journalist liess sich nicht abhalten von Panikmache und Schauergeschichten zur Fastnacht. Gegen Mitternacht begab er sich zur ominösen Zytglogge-Zeitzone; in Jahreszeit 1–4 halten sich hier hauptsächlich Tourist*innen auf, in der 5. Wird sie zum Vivarium des Homo Narris Fastnachtsiensis.

Bild 1 23:58 Blick von Zytglogge Richtung Nydegg
«Links und Rechts oben an den Fenstersimsen sieht man bunte Metallfiguren und bunte Lichter. Sie ergeben die typisch-bernensische Fastnachts-Gemütlichkeit.»

Bild 2 00:02 Blick von Brunnen nach links
«Entlang der Kramgasse, links in Laufrichtung, stehen erste Trauben der erwähnten Spezies. Sie sind lustvoll und originell verkleidet.»

Bild 3 00:05 Einblick in die Kreuzgasse
«Man sieht das Grossgefährt der lokalen Polizei (und kantonal). Es hat sich geschickt in die zentrale Quergasse der Altstadt platziert. Seine Insassen stehen wenige Meter davon entfernt und beobachten das närrische Treiben.»

Bild 4 00:08 Epizentrum
«In der Gerechtigkeitsgasse sind Kühe und Hexen, Tucane und Models, Polizisten und Sherrifs einträchtig versammelt und taumeln und lachen. Vis-à-vis des Restaurants «Zur füfte Jahreszyt» sind Konzerte der sogenannten «Guggen».»

Bild 5 00:13 Urinoir
««Auf Wiedersehen, ihr lustigen Gesell*innen!». Diese Fastnacht war unterdurchschnittlich besucht. Nur fast Fastnacht, sozusagen. Auf dem Heimweg muss ich noch kurz aufs Urinoir (beim Zytglogge). Irgendwelche Litteringer haben ihr Bier stehen lassen, aber immerhin kann ich in Ruhe pinkeln.»

Der Fotojournalist, 29.2.20

Aktuelles aus der Reitschule Bern

26. Februar 2020

UFL in der Grossen Halle: Wie war das nochmal mit dem Naturrecht?

Text: sak & daf | Illus: daf

Underground Fight League in der Grossen Halle, mit Kämpfer*innen, Artist*innen und jeder Menge Publikum. Das Megafon machte es sich in der Presse Loge gemütlich und war bei 1, 2 Bier recht fleissig.
Hier einige Impressionen rund um den Boxring und bald mehr in der Printausgabe.

 


 

Die Grosse Halle ist für einmal nicht zu gross, sondern nicht gross genug.

Irgendwas zwischen Hollywoods «The Hunger Games» und Frühstücksfernsehen: Salbig, freundlich eröffnet die Moderation die Spiele.

«Fast alle Boxer stammen aus den unteren Gesellschaftsschichten. Vom Boxer wird aber ein geregeltes Leben, Sinn für Disziplin und physische wie mentale Askese gefordert. Alles Eigenschaften, die unter widrigen sozialen und ökonomischen Bedingungen nicht herausgebildet werden können. Ohne ein gewisses Mass objektiver persönlicher und familiärer Stabilität sind die für die erfolgreiche Ausübung dieser Sportart notwendigen körperlichen und moralischen Voraussetzungen wenig wahrscheinlich.»

Show und Widerstand – Sparring mit dem Überwachungsstaat.
«Beim Sparring, dem Üben der Kampfsituation, werden die Kampfbedingungen möglichst realistisch abgebildet, mit der Ausnahme, dass die Brutalität der Auseinandersetzung stark zurückgenommen wird.»

Alles dauert. Zuerst bis es losgeht, und dann wieder «zwanzig Minuten Pause bis zum nächsten Kampf». Mal raus hier, an die frische Luft. Hier ist die Neubrückstrasse und in der Grossen Halle die Gala.

Staatstragende Lieder in der Umbaupause. Mani Matter dröhnt: «Han ig d’Schwyz o mit Rächt eso prise.»

«Moral Over Law». Ab und zu wird der Slogan auf den Bildschirmen eingeblendet. Wie war das nochmal mit dem Naturrecht? Da wo sich Moralphilosophie und Theologie gute Nacht wünschen. Jenseits. Irgendwo am Waldrand, ewige Jagdgründe.

Boxen ist ganz Diesseits. Körper, Regeln und Gesetzen unterworfen. Klammern: Der Ringrichter greift ein. Am Ende fällen die Kampfrichter das Urteil und bestimmen den Sieg.

Aktuelles aus der Reitschule Bern

8. Februar 2020

Deutschland, deine Gretchenfrage

Seit Montag liegt ein Sturmtief über Deutschland. Die Wahl im kleinen Bundesland Thüringen hat zu einer der schwersten politischen Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Parteichef*innen der Bundesparteien sind geschwächt, ihre politische Zukunft ist ungewiss. Das Vertrauen innerhalb der Parteien und zwischen den Parteien ist schwer erschüttert. Die Folgen dieser Krise sind völlig offen.

Hauptverantwortlich dafür sind die in Deutschland «staatstragenden» und «bürgerliche Grundsätze verteidigenden» Parteien CDU und FDP. Sie haben in Thüringen mit der AfD paktiert und den FDP-Mann Thomas Kemmerich hauchdünn zum Ministerpräsidenten gewählt – trotz der langandauernden Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und Linken. Aufgrund der sich drastisch verändernden Parteienstärke in Thüringen (und in ganz Deutschland) wäre eine Minderheitsregierung unter Duldung von FDP und CDU vorgesehen gewesen. Doch soweit kam es nicht: Die AfD hat in einem schlauen Schachzug dem FDP-Mann zur Mehrheit verholfen. Der nahm die Wahl an – und löste damit den Sturm aus, der in kürzester Zeit Verwüstungen ungeahnten Ausmasses angerichtet hat.

 

Rechtsextreme Vorreiter

Die AfD Thüringen ist nicht irgendein Landesverband. Er ist unter seinem Vorsitzenden Björn Höcke derjenige, der am offensten rechtsradikale und neonazistische Standpunkte bezieht. Auch innerhalb der Partei ist Höcke und sein Landesverband umstritten – obwohl hier angemerkt sei, dass diese internen Querelen wie der Versuch, Höcke aus der Partei auszuschliessen, zu einem guten Teil auch der Beschwichtigung der anderen Parteien und der Öffentlichkeit dienen. Parteichef Gauland zeigte sich immer wieder dem Höcke-Flügel zugewandt und denkt nicht im Traum daran, einen seiner besten Provokateure aus der Partei zu werfen. Die AfD hat sich innerhalb ihrer kurzen Existenz fast jährlich mit Riesenschritten rechtsextremen Positionen angenähert. Nach Parteigründer Bernd Lucke musste 2017 Frauke Petry gehen – und letztes Jahr gewann der offen rechtsextrem agierende «Flügel» der AfD die Mehrheit im Parteienvorstand.

Mit diesem einflussreichen Landesverband stimmten also FDP und CDU. Gemeinsam mit Neonazis, Faschisten und Nationalkonservativen verhinderten sie den äusserst moderaten Linken Bodo Ramelow, der in den letzten vier Jahren der einzige linke Ministerpräsident der BRD war. Die CDU war bereits vor der Wahl damit aufgefallen, dass sie weder mit «linken, noch rechten Extremen» zusammenarbeiten wolle. Damit warf sie Die Linke mit der AfD in einen Topf. Nun zeigte sich, dass sich die Thüringer Landesverbände nicht an die Weisungen der Bundesparteien hielten, nicht mit der AfD zu paktieren. Dies offenbarte eklatante Autoritätsprobleme der neuen CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer und der Kanzlerin Merkel. Auch bei der FDP glich die Wahl einer Offenbarung: Unwissend, wo sich die Partei im Spektrum befindet, griff man opportunistisch nach der Möglichkeit, sich trotz des minimen Wähler*innenanteils von 5% das Amt des Ministerpräsidenten zu krallen.

 

Die Vergangenheit ist nicht vorbei

Warum diese Wahl ein derartiger Skandal ist und die Republik zu Recht schwer erschüttert wird klar, wenn man ins Deutschland der Weimarer Republik blickt. Die NSDAP hatte in Deutschland zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheit und war sowohl in den Bundesländern, als auch im Bund immer auf Koalitionspartner angewiesen. Nur mit der Unterstützung nationalkonservativer und sogenannt «bürgerlicher Kräfte» sowie der Selbstentmachtung des Parlamentes 1933 konnte die NSDAP das Land in eine Einparteiendiktatur umbauen. Die rechtsextreme Rhetorik der AfD, die das Dritte Reich verharmlost und glorifiziert, macht klar, warum im Umgang mit ihr grösste Vorsicht und starker Widerstand angebracht ist. Aus opportunistischen Machtgelüsten und der Verachtung für Parteien, die nach mehr sozialer Gerechtigkeit streben, liessen sich FDP und CDU mit ihr ein. Dies war bereits in den 20er- und 30er-Jahren so, als der Hauptfeind des Bürgertums immer die Kommunist*innen und die damals schon äusserst moderate Sozialdemokratie waren – nicht die Faschisten.

Die NSDAP kam nach gescheiterten Putschversuchen und Putschplänen demokratisch an die Macht. Adolf Hitler versicherte in Gerichtsprozessen und öffentlichen Stellungnahmen, dass die Partei «nur über den legalen Weg» zur Macht gelangen wolle. Unterstützt wurde er wie erwähnt durch sogenannte bürgerliche Mitteparteien und den zutiefst nationalkonservativ geprägten Staatsapparat, autoritäre Richter, eine rechtsoffene Polizei und die Medien, die sich von der sogenannten Extremismustheorie leiten liessen. Von den «Mitteparteien» gibt es heute ebenso viele wie damals – ob in Deutschland oder in der Schweiz. Sowohl CDU, als auch AfD, FDP und SPD verorten sich in der «Mitte» und beanspruchen, für den Mittelstand, für Otto Normalverbraucher zu sprechen. In der Schweiz lautet der Untertitel der SVP «Die Partei des Mittelstandes», und BDP, FDP, Grünliberale und CVP behaupten, sie stünden als «vernünftige Kräfte zwischen den Extremen». Damit wird suggeriert, dass es normal und vernünftig sei, dass in unserer Gesellschaft riesige Vermögens- und Einkommensunterschiede herrschen, dass Millionen von Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden, Wirtschaftswachstum und die Zerstörung der Natur sinnvoll und Arbeit und Konsum die einzigen Kriterien für Lebensqualität seien.

Es erstaunt daher nicht, dass die «bürgerliche Mitte» in der Tendenz nach ganz Rechts neigt, wo eben diese soziale Ungerechtigkeit mit rassistisch-sexistischem Autoritarismus und dem antipluralistischen Führerprinzip angereichert wird. Soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Entrechtung bis hin zur Vernichtung der «Anderen» ist die geistige Grundlage faschistischer Bewegungen. In Thüringen ist es der AfD also gelungen, sich den Bürgerlichen als kleineres Übel zu präsentieren. Wie in der dauerkrisengeschüttelten Weimarer Republik öffnen gesellschaftliche Umbrüche und Zukunftspessimismus auch heute reaktionären Tendenzen Tür und Tor.

Die gefährliche Kombination

Endgültig alarmieren muss uns die bis weit ins parlamentarisch-linke Lager reichende Hetze gegen emanzipatorische Bewegungen, gegen Linksalternative und der Verteufelung jeglichen Protestes gegen eine autoritär-kapitalistisch dominierte Gesellschaft. Beispielhaft erwähnt sei der G20-Gipfel in Hamburg 2017. Die massive Repression gegen friedliche Demonstrant*innen und Menschen, die der Sachbeschädigung verdächtigt werden sowie die mediale Vorverurteilung durch Journalist*innen und Politiker*innen zeigte, wie weit bereits SPD-regierte Länder zu gehen bereit sind. Die Kombination hiervon, einem zerbröckelnden Parteiensystem, kollektiv erlebter Unsicherheit und der Feindschaft vieler Bürgerlicher gegenüber allem, was auch nur minime Umverteilung von Reich zu Arm anstrebt, offenbart, wie günstig der Wind für einen neuen Faschismus neoliberaler Prägung steht.

Grund, in Panik zu verfallen, ist das noch nicht. Nach wie vor gibt es hoffnungsvolle Zeichen aus der Zivilgesellschaft: Unmittelbar nach der Wahl Kemmerichs strömten in Deutschland Tausende Menschen aus Protest vor die lokalen Parteizentralen. Auch allgemein ist die Sensibilität der Gesellschaft für unterschiedliche Lebensweisen gewachsen – eine kollektive Sehnsucht nach «nationaler Einheit» ist nicht festzustellen. Aber: Eine Woche zuvor, am 27. Januar, war in Deutschland noch der 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau begangen worden. Das oft gehörte «Nie wieder!» und das Gerede von «Verantwortung als Deutsche» fiel am 3. Februar in Thüringen auf den eisernen Boden der Realität. Die Gretchenfrage der Deutschen, die stets latent war, tritt wieder offen zu Tage: «Sag mir – wie hast dus mit dem Faschismus?»

Fred Gotthard, 8. Februar 2020

Foto: Wandplakat zum Auschwitz-Gedenktag am Brückenpfeiler, Reitschule Bern

Links zum Thema:

Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Chronologie der NS-Machtergreifung Wiki

Roger Nordmann auf Twitter

Aktuelles aus der Reitschule Bern

29. November 2019

Mehr Rückgrat in den Gemeinderat

Ein Kommentar von Titus Grünen

Kurz vor Jahresende ist es doch noch soweit: Der Leistungsvertrag zwischen Stadt und Reitschule ist ausgehandelt. Nun kann er vom Stadtrat und einer Vollversammlung der Reitschule beurteilt werden. Dass man sich in entscheidenden Punkten einigen konnte, ist positiv zu werten. So könnten Bescheinigungen über Ausbildung und Vorstrafen des hauseigenen Sicherheitsdienstes in Zukunft durch eine*n unabhängige*n Anwält*in beglaubigt werden. Es ist erfreulich, dass sich beide Seiten zu diesem Kompromiss durchringen konnten.

Stossend sind allerdings die Äusserungen diverser Politiker*innen im Zusammenhang mit dem neuen Leistungsvertrag. So mischte sich erst kürzlich der Regierungsrat des Kantons Bern in diese städtische Angelegenheit ein. Unter Umgehung der Gemeindeautonomie stellte er Forderungen, die seine Kompetenzen klar überschreiten. Und Polizeidirektor Philippe Müller (FDP) liess seit seinem Amtsantritt keine Gelegenheit aus, die Stadtberner Politik öffentlichkeitswirksam anzugreifen.

Die Reaktionen von Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) erweckten dabei nicht gerade einen selbstsicheren Anschein. Man wolle nicht via Medien mit dem Kanton kommunizieren, hiess es jeweils. Dass Müller genau dies beabsichtigte, schien ihm nicht aufgefallen zu sein. Und so wird man den Eindruck nicht los, dass die Stadtregierung vor einem polternden Regierungsrat kuscht. In einer städtischen Angelegenheit. Wo der Kanton nichts zu melden hat. Ob hier das kommende Wahljahr mit reinspielt?

Wer die Polizei schickt, muss für die Polizei geradestehen

Fast irritierender als Müllers Tiraden ist allerdings, dass ebenjener Stadtpräsident am Donnerstag im «Bund» verlauten liess, darauf hinwirken zu wollen, „dass die Reitschüler der Polizei weniger misstrauen“. In Anbetracht der gemeinderätlichen Politik im Raum Schützenmatte ist diese Ansage mehr als höhnisch.

Gerade jene Stadtregierung die dafür sorgt, dass zeitweise täglich Einsätze in der Reitschule durchgeführt werden, stellt sich nun als Vermittlerin dar. Ausgerechnet die Gemeinderät*innen die in Kauf nehmen, dass das Restaurant Sous le Pont regelmässig von aggressiven Polizist*innen gestürmt und mit Reizgas um sich gesprüht wird, weist mal wieder jede Verantwortung von sich. Genau die Politiker*innen die tolerieren, dass gefesselte, im Polizeigriff festgehaltene Menschen noch ein Knie in den Bauch gerammt bekommen¹, fordern nach wie vor einzig von der Reitschule eine Veränderung. Statt einmal klar Haltung zu zeigen, wenn immer und immer wieder offensichtliche Polizeigewalt angewendet wird.

Solche Äusserungen schaden dem Verhältnis zur Reitschule. Zusammen mit dem Schweigen bei polizeilichen Übergriffen werden sie langfristig zum Zerwürfnis führen. Der Stadtpräsident und der ach so linke Gemeinderat täten gut daran, für einmal nicht die Fahne im Wind zu sein. Ausnahmsweise mal nicht dem Kanton und der Polizei nach der Pfeife zu tanzen. Das gäbe ihnen Glaubwürdigkeit. Und einen Anschein von Rückgrat.

 


 

¹ Ein Video des Vorfalls ist hier zu sehen

 

 

Aktuelles aus der Reitschule Bern

8. Oktober 2019

Wer ist die DLSSLP?

Ein Kürzestinterview mit einem Kandidaten der Paradiesvogelliste im Nationalratswahlkampf

Interview: ffg

 

Liebe Die Liebe, Sehr Sehr Liebe Partei…

…Hallo Megafon! 😉

Ihr habt gute Chancen, gewählt zu werden. Was wäre eure erste Amtshandlung im Nationalrat?

Wir würden alle Parlamentarier*innen persönlich begrüssen und ihnen
mitteilen, dass sie nach Hause gehen dürfen, da wir jetzt den Laden
übernehmen.

Wenn ich an die DLSSLP denke, sehe ich immer den Spitzenkandidaten
Christoph G. vor mir. Gibt’s da noch andere Leute, oder seid ihr eine
One-Man-Show?

One-Man-Shows und Spitzenkandidat*innen können wir in der DLSSLP nicht berücksichtigen.

Was würdet ihr tun, wenn Luzi Stamm im Aargau einen DLSSLP-Ableger
gründen würde?

Wir würden ihn sofort nach Bern in unsere Hauptzentrale delegieren, wo
er sich im 25. Untergeschoss um unser Kokain und Schwarzgeld kümmern kann.

Ihr habt die Juso für eine Listenverbindung angefragt. Warum das?

Damit wir all den Leuten, die uns ständig fragten, ob wir eine
Listenverbindung haben, sagen können, dass wir uns darum gekümmert haben, nun aber KEINE Listenverbindung haben und sie uns trotzdem wählen sollen.

Danke!

Bitte. Liebe Grüsse

Die liebe, sehr sehr liebe Partei

www.dlsslp.ch

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